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Unter Bienenköniginnen – Was braucht es für mehr Solidarität unter Frauen?

Man muss auch gönnen können. Nur können Frauen das nicht so gut. Seien wir ehrlich: Wenn es um die Erfolge der anderen geht, nagt an ihnen immer meist nur die eine Frage: Warum sie und nicht ich?

Ob Männer oder Sonnenliegen, bei beidem wird aus Missgunst gern um die Besitzstandswahrung gestritten, zumindest unter Frauen. Über die Sonnenliegen in bester Lage kommt ein Handtuch, über die Männer werfen Frauen ihren Alleinstellungsanspruch. Sowohl über Männer, mit denen sie mal zusammen waren, als auch über zukünftige Kandidaten. Sie den anderen Frauen auch gönnen, das können sie oft nicht.

Das sind die anderen? Die, die andere Frauen für ihre zur Schau gestellten Körper runtermachen, für zu viel Make-up oder zu wenig Anstand. Der einen neiden wir das makellose Antlitz oder die geschmackvolle Wohnung, der anderen ihren tollen Job. Es gibt keinen Aspekt unseres Lebens, der nicht davon betroffen wäre. Statt aufrichtiger Bewunderung für das, was sie erreicht haben, lösen diese Frauen meist nur eine Frage aus: „Warum sie und nicht ich?“ Und diese Frage ist der Ausgangspunkt einer gnadenlosen Fahndung nach Unvollkommenheiten. Irgendetwas wird sich doch finden.

Wird eine Frau Bundeskanzlerin, zerpflücken wir ihre Kinderlosigkeit und ihren neutralen Stil. Zeigt die Schauspielerin Emma Watson auch nur den Ansatz ihrer Brüste, wird ihr Zusammenarbeit mit dem Feind vorgeworfen. Finden Tausende von Frauen im Rahmen von #MeToo den Mut, über sexuelle Belästigung und Gewalt zu sprechen, folgen manche von uns Catherine Deneuve und ihren Kolleginnen in die „Freiheit, jemandem lästig zu werden“. Selbst im allergrößten Hype um Stars wie Britney Spears oder Taylor Swift ahnen wir den Absturz immer schon im Voraus. Haben Freundinnen überraschend Glück in der Liebe oder im Spiel, kann schnell Schluss sein mit der Seelenverwandtschaft.

Warum es Männern so leicht fällt, Geschlossenheit zu zeigen, und Frauen so schwer, dafür gibt es viele Erklärungen. Männer waren schon immer in Verbünden organisiert, bei denen ein gemeinsamer Gegner die Einigkeit erleichtert, ob einst der Säbelzahntiger, kurz danach der Russe oder heute der TuS Erkenschwick. Da ist egal, ob man mit dem, der neben einem steht, jemals ein Bier trinken würde: Es geht gegen die anderen, und zwar mit Gebrüll, das schweißt zusammen. Wie tief solche Reflexe sitzen, sah man an der Brüderle/Aufschrei-Debatte: Jeder Angriff auf einen einzelnen Mann (und als solcher wurde bereits die reine Dokumentation des Geschehenen betrachtet) ist sofort ein Angriff auf das ganze Geschlecht. Entsprechend pampig, ungläubig, abwehrend oder aggressiv waren die Reaktionen, selbst von normalerweise ganz vernünftigen Männern.

Frauen hingegen, ungeübt im Bilden strategischer Allianzen, verschwenden kostbare Energie in Grabenkämpfen um Detailfragen, verweigern den Schulterschluss, bauen – keine Räuberleitern, wollen es selber hinkriegen. Und verkennen dabei, dass kein Mann es je allein geschafft hat, sondern immer nur dank eines in Jahrtausenden bewährten Netzwerks, eines Perpetuum mobile des Machterhalts. Das Spiel ist gezinkt.

Teil dieses Spiels ist es, dass sichtbar erfolgreiche Frauen immer noch als Einzelkämpferinnen wahrgenommen werden, als Ausnahmen, die es quasi per Mutation so weit gebracht haben, vielleicht durch männliche Förderung, auf jeden Fall aber ohne weibliche Unterstützung.

Wer es in so einem Klima nach oben schafft, tut dies gegen die Männer und oft genug auch gegen die Frauen. Die amerikanische feministische Psychologin Phyllis Chesler veröffentlichte vor einigen Jahren die Studie Woman’s Inhumanity to Woman, in der sie Belege dafür sammelte, dass Frauen nicht selten die schlimmsten Feinde der Frauen sind. Dabei ging es ihr nicht einmal um die offensichtlichsten Grausamkeiten, die Frauen einander weltweit antun – Klitorisbeschneidung und Ermordung von Töchtern sind oft Frauensache –, sondern um die sorgsam verborgene Aggressivität und blanke Voreingenommenheit, die Frauen anderen Frauen gegenüber haben.

 

Frauenfreundschaften

Phyllis Chesler verweist auf die wenigen, inzwischen schon etwas angestaubten Studien, die sich mit dem Thema Frauenfreundschaften beschäftigen. Frauenfreundschaften seien einerseits mythisch überhöht als größte Form von Nähe und rückhaltloser Innigkeit, andererseits Konstrukte von hoher Fragilität. Denn sie würden nur so lange funktionieren, wie das »Geht mir genauso«-Mantra gebetet werde: Freundinnen haben gefälligst allzeit Verständnis, Bestätigung und Trost zu liefern. Die britischen Psychologinnen Susie Orbach und Luise Eichenbaum analysierten bei vielen Frauenfreundschaften eine Neigung zum Klagebündnis, das im gemeinsamen Lamentieren stecken bleibt und dadurch die Verhältnisse eher noch zementiert.

Schwierig wird es immer dann, wenn sich Lebenssituationen ändern. Frauenfreundschaften beruhen so sehr auf dem Diktat der Harmonie, dass jedes Abweichen sofort als Verrat interpretiert wird. Der kleinste Haarriss wird zum Canyon, eine Schwangerschaft oder ein beruflicher Aufstieg können Freundschaften zum Einsturz bringen: Veränderung ist Vertragsbruch, Unterschiede werden nicht ausgehalten. Und man sucht sich neue Freundinnen, die in ähnlichen Lebensumständen stecken und die Verständnismaschine wieder neu befeuern.

All das führt dazu, dass Frauenbeziehungen oft auf einem Meer von hohen Ansprüchen und unausgesprochenen Zwistigkeiten dahindümpeln, im Berufsleben zusätzlich genährt von Neid und Konkurrenzdenken, das die weibliche Selbstzensur als inakzeptabel wegdrückt. Diese diffuse Gemengelage macht eine Aussprache nahezu unmöglich. Offene Aggression ist bei Frauen immer noch tabu, aber »fast alle Frauen haben ein Repertoire von Techniken, mit denen sie andere Frauen schwächen«, wie Phyllis Chesler sagt: Kommunikationsverweigerung, Sticheleien, Isolierung. Frauen wählen gern Methoden, die es möglich machen, jederzeit alles abzustreiten – rückstandslose Gifte, so fein dosiert, dass nachträglich alles als ein Missverständnis oder eine Überempfindlichkeit hingestellt werden kann.

Die Zukunft wird weiblicher

Wie viel mehr es den Frauen schon immer brachte, sich mit Männern zu verbünden statt mit Frauen, beschreibt die Psychologin Sandra Konrad in ihrem Buch Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will. Denn Allianzen schmiede man mit den Mächtigen. „Die Frau will gefallen, sie will geliebt und begehrt werden – aber je weniger Wert sie sich selbst beimisst, desto abhängiger wird sie von der Bewertung der anderen“, führt Konrad aus. „Daher sitzt die Frau in der Falle. Sie sieht auf sich selbst aus einer männlichen Perspektive, die ihre Unterlegenheit immer schon voraussetzt: Die männliche Geringschätzung der Frau ist Teil des weiblichen Selbst geworden.“ Das ist das Dilemma: Wo unser Wert gefühlt am Mann hängt, da müssen wir unsere Konkurrentinnen bekämpfen und niedermachen, um uns selbst besser zu positionieren.

Doch so lange Unterdrückte damit beschäftigt sind, sich gegenseitig ein Bein zu stellen, können sie den Mächtigen nicht gefährlich werden. Dieser Mechanismus macht uns schwach. Lächerlich. Und einsam. Was aber sollen wir tun, wenn gesellschaftliche Veränderungen sich so quälend langsam manifestieren? Wenn es ganze Generationen dauern wird, bis wir einander die Freundinnen sein können, die wir sein wollen? „Sich selbst beobachten“, rät Felicitas Heyne. „Und sich fragen: Was bekämpfe ich da eigentlich in der Anderen? Meist ist das unser ‚Schatten‘, wie C. G. Jung ihn nannte – Persönlichkeitsanteile, die ich an mir selbst nicht leiden kann oder deren Ausleben ich mir nicht gestatte.“

Statt also andere Frauen für ihre ausschweifende Sexualität, ihren beruflichen Erfolg, ihre strahlende Schönheit zu diffamieren, sollten wir sie nutzen, um etwas über uns selbst zu lernen. Als Entwicklungshilfe, gewissermaßen. Ganz ohne Handtücher und Missgunst. In Wirklichkeit ist nämlich genug für alle da.

 

Worin sich die wenigen Forscher, die das Thema Freundschaft ernst nehmen, übereinstimmen: Wir brauchen Frauen, um die Welt zu verstehen. Um Anschauungen zu vergleichen, Erfahrungen auszutauschen, Gefühle zu überprüfen, Pläne zu formulieren. Was kann ich, was will ich? Das finde ich erst heraus, wenn ich es in Gesprächen mit anderen Frauen auslote: Wir reden, also bin ich.