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Es klingelte an der Tür.

Mein Herz machte einen Satz und überschlug sich fast. Gleich würde dieser große, starke Mann vor mir stehen, der mir, vor wenigen Wochen, mit seinen liebevollen Worten, das Herz geraubt hatte. Durch die Tür hörte ich gedämpft seine schlurfenden Schritte näherkommen. Meine Wohnung lag im zweiten Stockwerk eines Mehrfamilienhauses und so hatte ich noch einen kleinen Moment, um die Vorfreude auszukosten, bis er endlich da wäre. Es war schon lange her, dass ich Männerbesuch gehabt hatte – viel zu lange. Ich lehnte mich an die noch geschlossene Wohnungstür und atmete tief ein und wieder aus. Nur noch wenige Augenblicke, dann würde ich ihn endlich sehen. Oder zumindest den Teil, den er mir zeigen wollte. 

So sehr ich mich auf unser erstes Treffen gefreut hatte, so sehr hatte ich mich auch davor gefürchtet. Denn wir hatten in all den Wochen nie unsere Gesichter gesehen. Ich hatte schreckliche Angst, dass einer von uns, oder wir beide, enttäuscht sein könnten. Und dann wäre ich wieder allein gewesen. Und das wollte ich um jeden Preis verhindern. Also war ich dankbar auf seinen kuriosen Vorschlag eingegangen. Ich öffnete die Tür. Und vor mir stand er. Ein groß gewachsener Mann. Mit einer blauen Wolldecke über dem Kopf. 

Sein Atem ging schwer, nach all dem Treppensteigen, im Hochsommer – mit einer Wolldecke über dem Kopf. Die Decke hörte knapp unter seiner Brust auf und so sah ich, wie sich sein dicklicher Bauch hob und senkte. Wir hatten uns darauf geeinigt, unser erstes Treffen gemeinsam zu verbringen, ohne einander zu sehen. Damit wir uns riechen, spüren und hören konnten. Wir wollten uns nicht über das Aussehen definieren. Nun standen wir also befangen dort. Er mit einer Decke über dem Kopf. Und ich glotzte auf seinen Bauch. Auch ohne sein Gesicht zu sehen, war ich überrascht von seinem Erscheinungsbild. Es war anders, als ich es erwartet hatte. 

Wir pressten beide ein verlegenes „Hi“ heraus. Seine Stimme war bassig, aber nicht so tief, wie ich sie von unseren stundenlangen Telefonaten kannte. Nun griff ich nach seiner Hand und führte ihn in die Wohnung. Die Tür fiel hinter uns ins Schloss. Er hatte große, starke Hände. Und doch wirkten sie in diesem Moment zerbrechlich. Denn als ich seine Hand in meiner hielt, spürte ich, wie sehr sie zitterte. Vor Anspannung und Aufregung, vermutete ich. Er plapperte unsicher drauf los: „Du musst mich unbedingt führen. Du weißt ja, ich kann nichts sehen. Bitte sage mir, wo ich langgehen muss. Pass gut auf, dass ich nirgendwo anstoße.“ Ein Schwall voller unsicherer Worte, aus dem Mund dieses großen Mannes. Es hatte etwas Liebenswertes an sich und ich verliebte mich noch ein bisschen mehr in ihn. Vergessen waren die harten Worte, die gestern in unserem Streit noch gefallen waren. Vergessen waren die Tränen und all die Verletzungen, die er mir schon zugefügt hatte. Er war hier. Er hielt meine Hand. Er war echt. Ich führte ihn behutsam zu meiner kuscheligen kleinen Couch und wir ließen uns in die Kissen sinken. Nun nahm ich das erste Mal seinen Geruch wahr. Ein ungewohnter, herber Geruch. Er roch nach kaltem Zigarettenrauch, Aftershave und irgendwie ungewaschen, auf eine angenehme Weise – sowas hatte ich zuvor noch nie gerochen.

Wie oft hatte ich mir diesen Augenblick vorgestellt. Aber es fühlte sich nicht so an, wie ich gedacht hatte. Auch hier konnte die Realität nicht mit meiner Vorstellung mithalten. Die Stimmung war angespannt. Denn hatten wir es bis hierhergeschafft, unseren gestrigen Konflikt auszuklammern, so klopfte er nun ungebeten wieder an die Tür. Ehe ich mich versah, saßen wir bei unserem ersten persönlichen Date auf meiner IKEA Couch und stritten da weiter, wo wir gestern wutentbrannt aufgehört hatten. Ich war irgendwann einfach aus dem Telefonat ausgestiegen und hatte aufgelegt. Genau das kommentierte er nun aggressiv mit den Worten: „Auflegen, das geht gar nicht. Früher hättest du dir dafür gleich eine gefangen.“ Das Schlimme war, dass ich wusste, er machte keine Scherze. Denn er hatte mir erzählt, dass ihm bei seiner Exfreundin auch schonmal die Hand ausgerutscht war. In diesem Moment beschlich mich das unbestimmte Gefühl, dass auch mich ein ähnliches Schicksal ereilen könnte. Die liebenswerte Person von gerade, war nicht mehr in ihm zu erkennen. Plötzlich saß dort, unter einer blauen Wolldecke, ein Fremder. Wild gestikulierend hielt er mir einen unangenehm sachlichen Vortrag, dem ich inhaltlich einfach nicht folgen konnte, egal, wie sehr ich mich auch bemühte. Kern seiner Aussage war aber, wie so oft, dass ich ganz allein das Problem sei und ich dringend ein anderer Mensch werden müsse. Sowieso wolle er künftig unsere Beziehung nur noch rein rational angehen. Für Emotionen sähe er da keinen Raum. Mittlerweile liefen mir verzweifelte Tränen über das Gesicht. Denn ich wollte das alles so nicht. Ich wollte ein erstes Treffen mit ganz viel Liebe und netten Worten und Berührungen. Ich sehnte mich so schmerzlich nach Nähe. Der Streit spitzte sich weiter zu und ich war schon nahe daran, der Beziehung jetzt und hier ein Ende zu setzen. Das schien seinen feinen Antennen nicht zu entgehen. Er spürte, dass ich ihm entglitt und sagte unerwartet sanft: „Bin ich zu hart zu dir?“. Diese Frage traf mich mitten in mein Herz und die heißen Tränen der Verzweiflung verwandelten sich in hoffnungsvolle, erleichterte Tränen, die mir weiter über das Gesicht liefen. Ich nickte mit gesenktem Blick und hoffte, dass nun doch noch alles gut werden würde. Er streichelte meinen Arm. Ganz sachte. Wie oft hatte ich mich schon nach seiner Berührung gesehnt, wie viele Male hatte ich mir vorgestellt seine Haut auf meiner zu spüren. Ich wollte ihm nicht mehr nur mit Worten nahe sein. Er hauchte: „Du riechst wundervoll.“ Und ich war ihm wieder verfallen.

12.08.2021, Katharina Golinski, www.kathinka.online